CMC.BLOG
Ein Beitrag aus der CMC.Community
Evergreens: The Oregon Trail
Überraschung in der Vorweihnachtszeit
Freitag, der dritte Dezember 1971. Wir sind in Minneapolis, genauer: an der Jordan Jr. High School. Eine achte Klasse hat Geschichte bei Don Rawitsch. Rawitsch studiert am südlich von Minneapolis gelegenen Carleton College. Er ist als student teacher Teil eines Studienprogramms, in dem Studierende Lehrerfahrung sammeln und neue Unterrichtsmethoden erproben sollen. Nachdem sich Rawitsch u.a. in einer früheren Stunde als ein aus der Geschichte bekannter Entdecker verkleidet und von “seinen” Reisen erzählt hat, war nicht klar, was seine drei bis vier Klassen, die er unterrichtete, nun erwarten konnten.
Rawitsch, der die amerikanische Geschichte des 19. Jahrhunderts unterrichten soll, schiebt einen ‘teletype’ ins Klassenzimmer. Diesen kann man sich als Mischung aus einem Computer und einem Faxgerät vorstellen, also wie eine Art Fernschreiber. Bedient wird das Gerät, das telefonisch mit einem zentralen Computer (einem ‘Mainframe’) verbunden werden kann, mit einer Tastatur. Die Ausgabe erfolgt jedoch nicht über einen Monitor, sondern als Ausdruck auf Papier.
“Computer” der ganz alten Schule
(Screenshot aus https://youtu.be/8QbjlHeoLdc?si=b6KtIM09Fan2C7BU)
Geschichte unterrichten…
Rawitsch wollte Geschichte neuartig vermitteln. Sein Plan war, ein Brettspiel mit Würfeln und Zufallsereignissen zu erstellen, um Geschichte erlebbar zu machen. Dafür hatte er zwei Wochen zuvor auf dem Boden seiner Wohngemeinschaft gesessen und auf einer großen Papierrolle ein Spielfeld aufgemalt.
Als seine Mitbewohner Bill Heinemann und Paul Dillenberger, beide Mathematiker, Computerinteressierte und ebenfalls studentische Lehrer, ihn sahen, entstand die Idee, ein Computerspiel zu machen. Allerdings waren Computer damals selten, wenige Leute hatten mit ihnen direkt zu tun. Zum Glück waren die Schulen mit den genannten Fernschreibern ausgestattet, die auch Programmierungen erlaubten. Heinemann und Dillenberger erstellten “Oregon” in den folgenden Tagen in einer frühen BASIC-Fassung am ‘teletype’ ihrer Schule, der Bryant Jr. High School. Dort speicherten sie das Programm auf dem Mainframe-Rechner, auf den auch Rawitschs Gerät in den Schulstunden der kommenden Woche zugreifen musste. Dies fiel den Systemverantwortlichen der Bryant Jr. High School bald auf, die doppelte Logins eines Accounts nicht allzu prickelnd fanden. Doch über die Löschung des Programms, die Veröffentlichung des Codes in einer Hobbyisten-Zeitschrift und die spätere Vermarktung soll es hier nicht gehen (vielleicht aber wann anders).
Teilten WG und Vision: Don Rawitsch, Bill Heinemann und Paul Dillenberger (v.l.n.r., Quelle: https://www.laschoolreport.com/oregon-trail-at-50-how-three-teachers-created-the-computer-game-that-inspired-and-diverted-generations-of-students/)
Ganz konkret ging es in den kommenden Wochen um den sogenannten Oregon Trail. Dieser historische Pfad ist mit einem Vorgang Mitte des 19. Jahrhunderts verknüpft, in dem etwa 400.000 Menschen aus dem amerikanischen Osten Richtung Westküste zogen, unter anderem in den US-Bundesstaat Oregon. Rawitsch teilte die Klasse fortan in Gruppen auf. In diesen standen Textarbeit, Arbeitsblätter oder andere Aufgaben an - oder das Spiel namens "Oregon".
Karte des Oregon Trail
(Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/File:Oregontrail_1907.jpg)
…Geschichte erleben…
“Oregon” gab den Schülerinnen und Schülern Beschreibungen, einen über viele Runden dauernden Spielverlauf, der mehrere historische Monate abbilden musste, und Entscheidungsspielräume. Wie viel vom Startkapital geben wir für Nahrung, wie viel für Kleidung aus? Eine Person aus der fünfköpfigen Gruppe, die wir spielen, wird krank: Ruhen wir uns aus, bis sie wieder gesund ist, oder beeilen wir uns, um schnell die nächste Siedlung zu erreichen? Diese und viele andere Fragen fesselten die Aufmerksamkeit, zumal interaktive Erfahrungen mit Geräten für viele Leute Neuland waren.
“Screenshot” bzw. Foto von einer durch den Fernschreiber ausgedruckten Spielrunde (Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/File:TheOregonTrail1971Gameplay.png
…Geschichte schreiben
Der eingangs erwähnte 3. Dezember 1971 war also ein großer Tag.
Für Don Rawitsch und seine Mitbewohner, die sahen, wie die gemeinsame Idee funktionierte.
Für die Klassen, die das Spiel liebten und auch in Pausen am Fernschreiber bleiben wollten.
Für Computer und deren Anwendung.
Und nicht zuletzt für das Spiel, das ab Mitte der 1970er unter dem Namen “The Oregon Trail" in einer bewegten Geschichte flächendeckend an Schulen erst in Minnesota und dann den USA insgesamt sowie ab den 1980ern auch an private Haushalte vertrieben wurde.
Da spielt auch der Waschbär gerne mit: Cover einer Version von “The Oregon Trail” für den Apple II (Quelle: https://www.mobygames.com/game/746/the-oregon-trail/cover/group-16022/cover-206723/)
Das Vermächtnis des Oregon Trails
Während historisch insbesondere die Version für den Apple II bedeutend wurde (es heißt, diese habe Millionen von Schülerinnen und Schülern erreicht), erfuhr “The Oregon Trail” in den letzten Jahren ein Remake für aktuelle Konsolen und Windows-Rechner. Somit stellt "The Oregon Trail" ein lebendes Stück Software-Geschichte dar, das auch nach (über alle Versionen hinweg) gut 65 Millionen verkauften Einheiten und bald 55 Jahren noch quicklebendig ist.
Das ungleich modernere Gewand - Screenshot des Remakes auf der Nintendo Switch (Quelle: https://waytoomany.games/2022/11/17/review-the-oregon-trail/)
Konstantin Jediss (KJ)
Wenn der selbsternannte Teilzeit-Nerd gerade nicht über Retro-Spiele liest oder schreibt, veranstaltet er videolympische Turniere, leitet DSA-Runden oder wundert sich, dass sein Praktikum bei GameOne schon so lange her ist.