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Ein Beitrag aus der CMC.Community
Happy Birthday: Brain
In der Reihe “Happy Birthday” gratulieren wir Geburtstagskindern, die ihre Spuren in der Geschichte von Hard- und Software hinterlassen haben. Heute gehen die Glückwünsche nach Pakistan, wobei nicht jedem nach Feiern zumute gewesen sein dürfte.
Glückwünsche, zumal zum Geburtstag, setzen meist Beliebtheit, zumindest aber einen guten Ruf dessen voraus, der die Glückwünsche empfangen soll. Familie, Freunde, Mitschülerinnen oder Mitschüler, Arbeitskolleginnen und -kollegen: Wenn sie in den Genuss zumindest warmer Worte oder gar Geschenke kommen, haben sie sich zuvor einen Platz in unseren Herzen oder unseren Respekt verdient. Dinge, die für Computerviren gemeinhin eher nicht gelten.
Brain Computer Services - eine erfolgreiche Geburtsstätte
Dies war den Brüdern Basit und Amjad Farooq Alvi Mitte der 1980er vermutlich nicht wichtig. Ihr Geschäft “Brain Computer Services” florierte, verkauften sie dort schließlich nicht nur selbstprogrammierte Software. Nein, auch Kopien der Tabellenkalkulation Lotus 1-2-3 und von WordStar, quasi dem Urgroßvater von Microsofts Word, der 1978 auf den Markt gekommen war, fanden sich im Sortiment von Brain Computer Services.
Die beiden genannten Programme wurden buchstäblich als Kopien verkauft, die einen Bruchteil des originalen Preises im Westen kosteten. Wer beispielsweise Lotus 1-2-3 für seinen IBM-PC wollte (auf diesem galt es manchen als “Killer-App”, die das legendäre VisiCalc für Apple-Rechner funktional überholt hatte), musste in den USA 495$ investieren. Brain Computer Services bot die Software mitunter für 1,50$ an. Kein Wunder also, dass der Laden mehr und mehr von Touristen aus dem meist westlichen Ausland aufgesucht wurde.
Geburtsstunde von “Brain”
Die Farooq Alvis nahmen diese Entwicklungen, auch dass ihre eigene Software ebenfalls verstärkt raubkopiert wurde, um 1985 zum Anlass, eine folgenschwere Entwicklung zu starten: Sie programmierten mit “Brain” den wohl ersten Computervirus für DOS-basierte PCs, der eine signifikante Verbreitung (geschätzte gut 100.000 Disketten wurden befallen) fand.
Es handelte sich bei “Brain” im Vergleich mit heutiger Malware um eine eher harmlose Spielerei. Ein wenig Arbeitsspeicher, ein bisschen Platz auf der Diskette, leichte Reduktion in der Laufwerkgeschwindigkeit - dazu aber keine Option für Brain, Festplatten zu befallen. Außerdem gibt der Code des Virus an, an wen man sich für Hilfestellung, für “Impfung” wenden kann. Aber wovor sollten Leute und ihre Rechner geimpft werden?
Amjad (l.) und Basit Farooq Alvi im 2012 geführten Interview mit Mikko Hyppönen (Screenshot aus Brain: Searching for the first PC virus in Pakistan)
Funktionsweise von Brain
“Brain” ist ein sogenannter Bootsektor-Virus. Er wurde über Kopien der Software aus dem Laden vertrieben, mutmaßlich vor allem jene, die an Touristen verkauft wurden (mehr dazu weiter unten).
Bootsektor-Viren (wenn wir von der Art sprechen, die Disketten und nicht Festplatten befällt) ersetzen den Bootsektor des Datenträgers. Brain verschiebt diesen sowie eine Kopie von sich selbst an andere, leere Stellen der Diskette. Der reguläre Bootsektor und die Kopie von Brain werden beim Lesen der Diskette als defekt identifiziert, wodurch sich der verfügbare Speicher verringert. Daneben verlangsamt sich auch der Zugriff auf die Disketten.
Hat nun also ein ahnungsloser User eine befallene (Raub)Kopie etwa von medizinischer Software der Farooq Alvis oder Lotus 1-2-3 im Laufwerk und startet den Rechner, nimmt die Sache ihren Lauf. Der Rechner gibt an, dass es sich um keine Systemdiskette handelt, und fordert zum Entfernen der Diskette und Tastendruck auf. Zu diesem Zeitpunkt, noch bevor das Betriebssystem überhaupt gestartet hat, ist Brain schon im Arbeitsspeicher und kopiert sich selbst in Bootsektoren später eingeschobener Disketten.
Übermotiviert? Untermotiviert? Überhaupt motiviert?
Geht es um die Motivation, Brain in die Welt zu bringen, gibt es erstaunliche Uneinigkeit. Das Time Magazine unterstellte 1988 in einem Artikel, es sei Amjad um die Bestrafung westlicher Raubkopierer gegangen (“You must be punished”). Demnach seien nur westlichen Käuferinnen und Käufern infizierte Kopien verkauft worden, da nur diese sich durch den Kauf tatsächlich strafbar machten. Basit Farooq Alvi zufolge sei es nach damaliger Rechtsprechung für pakistanische Staatsangehörige nicht strafbar gewesen, Kopien von originaler Software zu kaufen, da Copyright damals in Pakistan nicht für Software galt. In dieser Version gingen infizierte Disketten nur an internationale Kundschaft.
In einem 2012 geführten Interview mit dem finnischen IT-Security-Experten Mikko Hyppönen gaben die Farooq Alvis hingegen an, dem technischen Reiz erlegen gewesen zu sein, DOS auf Sicherheitslücken zu untersuchen und diese, ohne großen Schaden verursachen zu wollen, auszunutzen. Ebenfalls zu beachten ist, dass der Code von Brain selbst auf dessen Urheber verweist.
Jeder fängt mal klein an - so wie wir. Aus einer gemeinsamen Vision haben wir zusammen Schritt für Schritt etwas Großes gemacht. Darauf sind wir stolz.
Bootsektor einer befallenen Diskette (Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/d/da/Brain-virus.jpg/500px-Brain-virus.jpg)
Die These von der Bestrafung westlicher Raubkopierer scheint vor diesem Hintergrund nicht ganz zu greifen. Die an verschiedenen Stellen genannte Motivation, durch die Angabe der Urheberschaft herauszufinden, wohin die Raubkopien weltweit gewandert sind, klingt da doch wahrscheinlicher.
Party ohne lästige Anrufe
Die Anrufe blieben nicht aus und wurden mehr. Tatsächlich so viele, dass die Farooq Alvis 1987 ihre Telefone abschalteten und Brain nicht mehr weiter vertrieben. So wundert es nicht, dass es eher wenige Glückwünsche zum Geburtstag dieses durchaus verdienstvollen Virus geben dürfte. Dabei wurde Brain aus berufenem Munde geradezu geadelt. John McAfee (ja, der von der Antivirensoftware) nannte im oben verlinkten Time-Artikel Brain “elegant” und lobte Amjad Farooq Alvi als möglicherweise “best virus designer the world has ever seen”.
Brain Computer Services bzw. der Nachfolger Brain Telecommunication Limited befindet sich auch heute noch an der Adresse, die in Brain verewigt wurde. Die
Farooq Alvis werben auf ihrer Webseite sogar damit, den ersten Computervirus geschaffen zu haben. Für sie scheint die Geschichte also gut ausgegangen zu sein.
Offen und ehrlich: Ausschnitt von der heutigen Webseite der Farooq Alvis (Quelle: About Us - Brain Fiber Net)
Und Brain selbst? Ein unbesungener Held, der vielleicht als erstes Programm dafür sensibilisiert hat, dass die von IBM und Microsoft gerühmte Sicherheit von PCs unter DOS eben doch nicht so lückenlos ist. Da das erste Auftreten und Bekanntwerden von Brain meist in den Januar 1986, konkret: auf den 19. Januar, gelegt wird: Happy Birthday, Brain!
Konstantin Jediss (KJ)
Wenn der selbsternannte Teilzeit-Nerd gerade nicht über Retro-Spiele liest oder schreibt, veranstaltet er videolympische Turniere, leitet DSA-Runden oder wundert sich, dass sein Praktikum bei GameOne schon so lange her ist.